Wenn Frauen 30 werden

Der Wechsel einer Dekade bedeutet für mich immer einen runden Geburtstag. Geboren wurde ich am Rosenmontag 1990 (meine Mutter meint, dass würde so einiges erklären) und als 1999 nicht die Welt unterging und wir das Jahr 2000 begrüßten, wurde ich kurz darauf 10 Jahre alt. Einige Wochen nach dem Jahreswechsel 2010 wurde ich 20. Und wer jetzt ein bißchen mitgerechnet hat weiß, dass ich in wenigen Tagen, genauer gesagt wenigen Stunden, 30 Jahre alt werde. Und wie immer wenn sich eine Dekade verändert, eine Zahl rundet, erwarten die Leute etwas Außergewöhnliches, den Weltuntergang oder was auch immer – sie haben eine Erwartungshaltung.

Während man weder an seinem 10. noch an seinem 20. Geburtstag mit diesen Erwartungen der Menschen konfrontiert wird, schlagen sie dafür bei der 30 mit doppelter Kraft zu. Denn ganz nach dem Motto „… was du bis 30 nicht erreicht hast, wirst du nie erreichen!“, sind plötzlich Kinder, fester Freund oder noch besser Ehemann und Hochzeit, sowie Karriere und Eigentum absolut zentrale Fragen, mit denen unsere Umwelt uns bombardiert.

Wie du bist noch nicht verheiratet?

Mein persönliches 30er-Weltuntergangsszenario begann vor zwei Jahren auf einer Familienfeier. Ich war grade frisch 28 Jahre geworden, hatte mich frisch von meinem damaligen Verlobten getrennt und war frisch in das Gästezimmer eines guten Freundes gezogen. Das war dank des familiären Buschfunks natürlich allen Anwesenden längst bekannt. Und obwohl dieser Umbruch in meinem Leben meine eigene Entscheidung war, wurde ich voller Mitleid behandelt wie ein rohes Ei. So richtig traute sich aber keiner das anzusprechen, was alle dachten. Bis auf eine ältere Bekannte, die wohl vor Neugierde sonst geplatzt wäre. Nach einem kurzen Smalltalk, in dem sie sich über mein neu erworbenes Single-Dasein absicherte, fragte sie mich mit entsetztem Gesichtsausdruck: „Und jetzt??“ Ich fragte sie, was sie mit der Frage meinte, obwohl mit die Antwort längst klar war. „Na du möchtest doch bestimmt auch mal heiraten und Kinder kriegen?“ .

Welche Frau kennt diese Frage nicht, egal mit welchen Worten verpackt – wir wurden alle schon nach unserem Kinderwunsch und unsere Heiratsplänen befragt. Diese Frage impliziert, dass die großen Ziele einer Frau weiterhin Mann und Kind sind, die Frage ist übergriffig und vor allem einfach nur nervig. Männer sagen bei dieser Diskussion oft, dass das Quatsch wäre und wir Frauen uns das nur einbilden würden oder überempfindlich wären. Klar, ist leicht gesagt – meinen gleichaltrigen Cousin fragt niemand ob er jetzt nicht mal mit dem Babys machen anfangen will. Der hat Zeit, der kann länger Vater werden als ich Mutter, wird mir dann vorgehalten – danke, mein Mindesthaltbarkeitsdatum läuft also mit Punkt 30 ab?

Und Kinder hast du auch noch nicht?

Zurück zu der Bekannten. Der antwortete ich wohlwollend mit Rücksicht auf ihr Alter und das daher anders gelebte Leben, dass die Zeit für Mann und Kind sicher noch komme. Ich lächelte zähneknirschend und lies sie stehen. Aber nicht nur die alten Damen der Familie sind neugierig, auch Kollegen, Freunde oder Bekannte im gleichen Alter fangen an zu fragen und lassen sich nicht so schnell abspeisen. Sie quetschen einen aus und wollen die Gründe des aktuell nicht vorhandenen Kinderwunsches wissen. Stellt euch mal vor, ihr bekommt auf diese bohrende Fragerei die Antwort: „Weil ich keine Kinder kriegen kann!“ Schon mal daran gedacht, dass nicht jeder der keine Kinder hat, freiwillig darauf verzichtet hat? Plötzlich ist es euch unangenehm, dass ihr so neugierig wart. Ich sag euch, lasst die Fragerei, es geht euch nichts an!

Kann man denn mit so einem Job überhaupt Geld verdienen?

Weg von der Frage nach Kindern hin zur Karriere. Die dunkle Seite der Macht sozusagen. Denn wenn man sich vorerst für seine berufliche Selbstverwirklichung entscheidet, ist man automatisch das kinderfressende, gefühlskalte und karrieregeile Miststück. Ist man allerdings für diesen Miststück-Titel nicht erfolgreich genug, kommt man in die Kategorie Vollloser. Am liebsten mit folgender Äußerung: „…ja aber du willst doch mal was Richtiges arbeiten, du hast doch studiert!?“.

Um einen Punkt zu machen, ziehen wir an dieser Stelle nun folgendes Fazit: wenn Frauen 30 werden ist das eine harte Nummer, zumindest wenn man all die Erwartungen zum veralteten und dennoch weiterhin in den Köpfen verankerten Frauenbild betrachtet. Das krampfhafte Fokussieren der Gesellschaft auf die Zahl 30 und der sowieso völlig unrealistische Jugendwahn machen es nur schlimmer. Übrigens hilft da auch nicht der sicher gut gemeinte, aber völlig bedeutungslose Tip: „30 ist nur eine Zahl, du bist so alt wie du dich fühlst.“– denn wie ich soeben dargelegt habe, ist 30 offensichtlich nicht nur eine Zahl sondern eine uns eingeredete Bürde. Warum hat sonst schon Fran Fine aus der Serie „Die Nanny“ jedes Jahr behauptet, dass sie 29 werden würde?

Darf ich das alles bitte selber entscheiden?

Es ist schwer zwischen all diesen unmöglichen Erwartungen die uns als das Nonplusultra suggeriert werden, auf sich selbst zu hören. Zu erforschen was wir selber wollen und was eben nicht. Ich weiß nicht nicht ob, wann, wie und wo ich Kinder bekommen möchte. Oder ob ich mich doch nach Bali absetzen und eine esoterische Yogalehrerin werden sollte. Ich muss zugeben, dass trotz all der weiblichen Stimmen die sich zu diesem Thema erheben und diesem Wahn widersprechen, mir die 30 Angst macht. Tatsächlich fürchte ich mich ein wenig vor verpassten Chancen. Davor dass meine Eltern alt werden, dass ich meinen go-with-the-flow Spirit verliere und plötzlich nach Eigentumswohnungen suche. Davor, dass ich Antifalten-Vorsorge google statt mich mit meinen Mädels auf einen Abend mit Wein und Nachos treffe.

Es wäre gelogen zu sagen, „…dass ich mich wahnsinnig auf die 30er freue und dann für mich das Leben erst richtig losgeht“. So schreiben es zumindest andere Mädels auf ihren Blogs. Das kann ich für mich nicht behaupten. Aber ich kann sagen, dass neben der Unsicherheit auch eine gewisse positive Aufregung mitschwebt. Und in einem bin ich mir ganz sicher: die 30 ist das was ich draus mache. So oder so, ich werde das machen, wonach mir der Kopf steht und wonach sich das Herz sehnt. Ob das nun dem Standard der groben Masse entspricht oder nicht ist mir ziemlich egal, denn eins hab ich grade in meinen späten 20ern gelernt: sich mit anderen Menschen, sowie deren vermeintlich altersentsprechenden Standards und Lebensweisen zu vergleichen, bringt einfach garnichts! Bereits in Senecas Briefen (verfasst Anfang des Jahres 58 n. Chr.!) stand:

„… es verwickelt uns nichts in größeres Unheil, als dass wir uns nach dem Gerede der Menge richten, in dem Wahn, das sei das Beste, was sich allgemeinen Beifalls erfreut…“

In diesem Sinne: hört auf euch und andere zu vergleichen. Lasst uns gemeinsam und jeder auf seine Art alt und glücklich werden.

Eure Carina ❤️

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